junggenug

Das Leben ändern – auch wenn man keine 20 mehr ist


Hinterlasse einen Kommentar

Plan B und das Gesetz der Polarität

Ich habe zu arbeiten, aber ich kann nicht. Diese Eule macht mich verrückt!

Heute klappt sie einen Flügel nach hinten und den anderen nach vorn. Dann wechselt sie. Es sieht aus, so als würde sie tanzen. Eigentlich hält sie ihre Schwingen ja sonst meist still. Doch diesmal nicht. Wusch, wusch macht es immer wieder. Vor und zurück, vor und zurück.

Ich will nicht hinsehen, aber das klappt nicht. Also drehe ich betont langsam meinen Kopf zu ihr herum und schaue sie vorwurfsvoll an.

„Was?“, fragt sie mich mit Unschuldsmiene, während es weiter wusch, wusch rauscht.

Ich tue ihr den Gefallen und frage sie: „Was machst du da“?

„Qigong.“

Ich falle gleich vom Stuhl. „Das ist wohl Hochgeschwindigkeits-Qigong! Oder warum wedelst du wie wild mit den Armen?“

Sie hält beleidigt inne: „Als ich es langsam gemacht habe, da hast du nicht hergeschaut! Und außerdem heißt es bei Eulen Flügel!“

Ich brumme: „Sorry, ich wollte eigentlich arbeiten“.

„Aber ich wollte mich unterhalten“, mault sie.

„Das ist aber genau das Gegenteil von dem, was ich will. Ich muss mich konzentrieren und brauche Ruhe.“

Sie trippelt hin und her. „Du bist ganz schön groß“, meint sie dann vollkommen zusammenhangslos.

Ok, denke ich, sie gibt ja sowieso keine Ruhe: „Und du bist ganz schön klein“.

„Groß ist das Gegenteil von klein“, sinniert sie. Dann beginnt sie wieder ihre Flügel zu bewegen. Diesmal aber ganz langsam. „Sieh mal“, zwitschert sie ganz aufgeregt. „Einer ist hinten und einer ist vorn. Ich kann mit meinen Schwingen auch ein Gegenteil machen.“

„Toll“, meine Begeisterung hält sich in Grenzen.

„Hat denn alles ein Gegenteil?“, fragt sie. Irgendwas hat sie vor. Ich weiß nicht was, aber den Ausdruck in ihren Augen kenne ich inzwischen. Es ist vielleicht besser, wenn ich auf der Hut bin!

Bevor ich etwas erwidern kann, schlägt sie ein Spiel vor. Sie nennt es Gegenteilsuche. In Gedanken verabschiede ich mich von der Idee, dass ich heute noch zum Arbeiten komme und nicke resigniert.

Sie beginnt: „Nacht.“ Ich: „Tag“. Die Eule: „Schwarz“. Meine Antwort: „Weiß“. Und so geht das eine halbe Ewigkeit hin und her. Irgendwann sagt sie „Yin“. Und ich entgegne: „Yang“.

Die kleine weiße Kunststoffeule seufzt erleichtert: „Ich glaube, jetzt hast du es begriffen.“

„Was?“, frage ich verständnislos.

Sie schaut mich konsterniert an: „Na das Gesetz der Polarität“.

„Ach“, lautet mein leicht verstimmter Kommentar: „Das war schon wieder eine neue Lektion?“

Plan B legt noch ein bisschen mehr Beleidigtsein in ihren Blick. „Glaubst du etwa, ich halte dich mit Nichtigkeiten von der Arbeit ab?“

Ich lenke ein. „So war das nicht gemeint. Entschuldige. Aber sei so gut und erklär mir das noch ein bisschen genauer.“

„So wie ein Lehrer seiner Schülerin?“, fragt sie mit einem komischen Unterton nach.

Ich nicke und überlege, was sie nun schon wieder vorhaben könnte. Wenn sie so spricht, dann führt sie was im Schilde.

Sie trippelt ein wenig hin und her, setzt eine wichtige Mine auf und verkündet: „Sagen wir mal so: Ich habe das Wissen.“

Mir bleibt ja nichts anderes übrig, als wieder zu nicken.

„Ich bin klug“, tönt es daraufhin ziemlich überheblich von ihr.

Ha! Jetzt weiß ich was sie vorhat! „Jetzt werde mal nicht frech! Wenn du denkst, dass ich in diese Falle tappe, dann hast du dich geschnitten. Du bist klug und ich bin das Gegenteil! Das kannst du aber vergessen.“

Die Eule kichert. „Schade, hätte ja klappen können.“

Dann wird sie ernst: „Also, das Gesetz der Polarisation besagt nichts anderes, als dass von all dem, was wir irgendwie betrachten, bewerten oder wie auch immer ansehen, jeweils ein Gegenteil existiert. Hell und dunkel. Warm und kalt. Innen und außen. Man kann nicht etwas als schön bezeichnen, wenn man nicht eine Vorstellung davon hat, was hässlich ist.“

Ich wackle zustimmend mit dem Kopf. Wenn ich nur wüsste, wie das Wissen um diesen Gesetz mir im Leben weiterhelfen soll. Ich kann mir nicht vorstellen, wozu das gut ist.

Natürlich liest sie mal wieder meine Gedanken. „Das bedeutet, dass ein unangenehmer Aspekt in deinem Leben, irgendwo auch einen positiven Gegenpol hat.“

Ich puste skeptisch: „Wenn mein Konto leer ist, wo ist dann das positive Gegenstück?“

Sie schaut mich einfach nur an. In meinem Kopf rödelt es. Was soll das? Angenommen ich bin pleite, obwohl ich ständig arbeite. Was ist das Gute daran? Was wäre das Gegenteil? Wenn ich weniger arbeite, habe ich dann mehr Geld? Langsam formt sich da so eine Idee in meinem Kopf. Vielleicht habe ich die falschen Fragen gestellt und habe nicht tief genug gegraben.

Die kleine Eule nickt euphorisch.

Ich versuche, meine Überlegungen auszuformulieren. „Wenn ich an etwas Mangel leide, dann muss es irgendwo auch einen Überfluss geben.“ Dann hole ich erst einmal tief Luft.
„Betrachten wir das Ganze einmal vollkommen losgelöst von allen Emotionen. Diese beiden Pole bekommen ihren positiven beziehungsweise negativen Charakter durch meine Bewertung. Wenn ich das eine ablehne, dann sollte ich vielleicht das andere anstreben.“

Jetzt ist es an meinem Gegenüber, erneut zu nicken.

Zögerlich spreche ich weiter: „Kann das Positive an einer misslichen Lage auch darin bestehen, dass ich die Ursache dafür hinterfrage und beschließe daran etwas zu ändern?“

„Natürlich“, tönt sie. „Du musst nur die richtigen Fragen stellen.“

„Hmm“, brumme ich. „Du klingst wie Tepperwein.“

„Wer ist das?“

Ich stehe auf, laufe zum Bücherregal, nehme einen Band heraus und halte ihn der Eule unter den Schnabel. Sie liest laut „Kurt Tepperwein. Krise als Chance“, und fragt: „Hast du das Buch gelesen?“

Eigentlich wollte ich sie mit dem Buch nur verblüffen, aber nun druckse ich etwas herum. „Ich fand es nicht so gut.“

Wenn dieser kleine Kunststoffvogel Augenbrauen hätte, würde er diese jetzt hochziehen: „Dir war die Sache mit der Polarität nicht klar“.

Mir bleibt nichts anderes übrig, als zuzustimmen. Und als ob das noch nicht genug wäre, setzt mein Gegenüber noch einen drauf. „Weißt du, wie es bei uns Eulen heißt?“

Rhetorische Pause.-

„Die Krise des Eies, ist die Chance des Kükens.“

Manno – immer hat sie das letzte Wort!

12

Bildquellenangabe: Carina Döring  / pixelio.de

Advertisements